und eine von ihnen singt / Kurzfilm (2011)

 

Ein Essayfilm über das Gesicht einer marginalisierten Filmfigur.

 

 

 

Essayfilm / digital file / 7min / 2011


Idee, Text und Schnitt: Iris Blauensteiner / Stimme: Petra Nickel / Übersetzung (engl.): Magdalena Schrefel / Tontechnik: 
Christoph Mateka 



Im Film „Der blaue Engel“ sind hinter Marlene Dietrich Statistinnen zu sehen. Hinter der Heldin der Geschichte sind die Statistin dramaturgisch unsichtbar, sind bildfüllende Körper. Die erzählten Figuren und Körper stehen in einer strikten Aufmerksamkeits-Hierarchie, die manche Figuren im Filmbild sichtbar und andere unsichtbar werden lässt. In „und eine von ihnen singt“ beschreibt, bespricht die Erzählerinnenstimme im dunklen Kino einen subjektiven Blick auf eine der Statistinnen. Das grobkörnige, vergrößerte Filmbild zeigt ihr ungreifbares Gesicht - das Gesicht einer marginalisierten Filmfigur.

 

...über "und eine von ihnen singt":

Im Zuge der Arbeit an einem Drehbuch las ich den Drehbuchratgeber „Das Geheimnis guter Drehbücher“ (Linda Seger, Alexander Verlag Berlin, 2001). Wie in allen Drehbuchratgebern wird hier versucht, die Komplexität der filmischen Narration in überschaubare Kategorien einzuteilen. Eine dieser Kategorien, mit der eine Narration erdacht werden kann, sind die Figuren. Ihre jeweilige Funktion innerhalb einer Geschichte wird hierarchisch dargestellt. Am Anfang dieser Reihenfolge steht der/die Protagonist*in, danach Nebendarsteller*innen, Statist*innen, Kompars*innen und am Ende stehen die sogenannten „Gewicht- und Massefiguren“. In letztere Figurenkategorie fallen typischerweise Figuren wie Chauffeure, Sektetärinnen etc. Sie werden dazu benutzt, die Macht des/der Protagonist*in darzustellen – sind sozusagen seine/ihre Verlängerungen, Prothesen. Die Gewicht- und Massefiguren haben keine psychologisch gezeichnete Charaktergrundlage, sie kommen ohne die Konstruktion einer Innerlichkeit aus, sind nur Füllmaterial für den/die Protagonist*in. Selbstständig ist eine Gewicht- und Massefigur nicht sichtbar. Ihr wird keine Subjektivität zuerkannt. Sie ist da, um FÜR jemand anderes Präsenz zu arbeiten. Eigene Figureninteressen werden nicht nur nicht dargestellt, sondern komplett ignoriert und sind in der Narration quasi nicht vorhanden.
Ich denke, dass die Form filmischer Narration, die sich um ein Individuum zentriert und andere Personen zu seinen/ihren Verlängerungen macht, eine gängige, gewohnte Art ist, eine Geschichte zu erzählen. Mich interessiert die Denkkonstruktion von Macht, die in dieser Erzählform eingeschrieben ist - die Form, die diese Hierarchie zwischen den Figuren hervorbringt.
„Der blaue Engel“ ist der erste erfolgreiche Tonfilm der UFA. Das Sprechen (und Singen) wird in diesem Film zelebriert. Gerade in der Verbindung zwischen dem Sprechen und der Strukturierung der Figuren wird die Hierarchie deutlich. Im Tonfilm wird zwischen Statist*innen und Kompars*innen unterschieden: Die Statist*innen haben kleine Rollen mit Sprechtext. Die Kompars*innen haben kleine, stumme Rollen. Dieser Unterschied schlägt sich beispielsweise auch in der Bezahlung, in der Behandlung am Set etc. nieder.
Wer spricht? Wer schweigt? Wer veräußerlicht sprechender Weise seine Innerlichkeit und fungiert damit eher als mögliche Empathie-Figur für das Publikum? Wessen Interessen, Bedürfnisse, Konflikte kann man deshalb „von innen heraus“ verstehen? Wer spielt zwar mit, aber scheint nur in Hinsicht auf die Innerlichkeit eines anderen auf und stellt damit das Bild seines/ihres Körpers als Projektionsfläche bereit?
Im „blauen Engel“ werden die Namen der Statistinnen nicht genannt. Es ist möglich, die Bilder ihrer Körper zu sehen, aber es ist nicht möglich weiteren Text über sie herauszufinden – weder über die Filmfiguren, noch über die Schauspielerinnen dieser Filmfiguren. Es ist, als wären ihre Namen ausgelöscht, ohne Widerspruch für unwichtig erklärt, während andere Namen (z.B. die der Stars, aber auch die der männlichen Statisten) aufgeschrieben und identifizierbar sind. Die männlichen Statisten, die Schüler des Professors - der das männliche Äquivalent zur weiblichen Protagonistin Lola bildet - sind im Vorspann namentlich genannt. Manche der männlichen Statisten haben auch kurze Sprechpassagen. Die Gewicht- und Massefiguren auf Lolas Seite hingegen, bleiben stumm und namenlos.
Marlene Dietrich sitzt mit Hut und Handschuhen auf der Bühne und singt: „Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt.“ Hinter der singenden Lola sitzen fünf Frauen auf Fässern. Mit müdem, gleichgültigem Blick, lascher Gestik und formlosen Kostümen lungern sie rauchend und Bier trinkend auf der Bühne. Die Frauen sind als Kontrast für Lola inszeniert: sind da, um ihr Glanz zu verleihen.
Ich möchte einer dieser Frauen, einer der „Gewicht- und Massefiguren“, wie sie Linda Seger nennt, eine eigene Subjektivität geben. Sie soll ein Ich bekommen und als Figur existieren. Dazu habe ich das im Filmbild eingeschriebene Angebot - ihren Körper als Projektionsfläche zu verwenden - angenommen und eine fiktive Geschichte zum Bild einer der Frauen im Film geschrieben.
„Und eine von ihnen singt“ ist für ein Kinodispositiv gedacht: eine Art von Blackbox, die die Konzentration der Betrachter*innen bündelt. Mit Ton und Bild möchte ich eine zweite, andere Geschichte in die Szene aus dem „blauen Engel“ schreiben.

 

* NOMINIERUNG: Nominierung zum Hubert-Sielecki-Preis für Animations- und Experimentalfilm 2012
 
* SCREENINGS: Kinolog - Plattform für Theorie und filmische Praxis, Programm „fremdartig“, Schikaneder-Kino Wien, 18. Juni 2014 / Hubert-Sielecki-Preis für Animations- und Experimentalfilm, Künstlerhauskino Wien , 13. Mai 2012 / Akademie der bildenden Künste, Kuratiertes Programm im Anatomiesaal, Jänner 2012 / 8. Berliner Kunstsalon, Gruppenausstellung, Berlin, 2011
* TV: ”Oktoskop” OktoTV, 19. und 26. Oktober 2014
* PERFORMANCE: Programm „What a Drag!“ im brut-Künstlerhaus, Wien, 9. und 11. Juni 2011
* PUBLIKATION: In: Lichtungen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik. Nr. 130, Hrsg: Helwig Brunner, Werner Fenz, Markus Jaroschka, Georg Petz, Literaturkreis Lichtungen, Juni 2012